Mittwoch, 8. Februar 2017

[BUCHREZENSION] Rat der Neun - Gezeichnet



In einer Galaxie, in der Gewalt und Rache das Leben der Völker beherrschen, besitzt jeder Mensch eine besondere Lebensgabe, eine einzigartige Kraft, die seine Zukunft mitgestaltet. Doch nicht jeder profitiert von seiner Gabe …

Cyra ist die Schwester des brutalen Tyrannen Ryzek. Ihre Lebensgabe bedeutet Schmerz, aber auch Macht – was ihr Bruder gezielt gegen seine Feinde einsetzt. Doch Cyra ist mehr als bloß eine Waffe in Ryzeks Händen: Sie ist stark und viel klüger, als er denkt.

Akos stammt aus einem friedliebenden Volk und steht absolut loyal zu seiner Familie. Als Akos und sein Bruder von Ryzek gefangen genommen werden, trifft er auf Cyra. Er würde alles dafür tun, seinen Bruder zu retten und mit ihm zu fliehen, doch mächtige Feinde stehen ihm im Weg. Akos und Cyra müssen sich entscheiden: sich gegenseitig zu helfen oder zu zerstören …

► Autor/in: Veronica Roth ► Übersetzerin: Petra Koob-Pawis, Michaela Link 
 Genre: YA Fantasy & Sci-Fi  ► Carve The Mark #1 ► Verlag: cbt ► Seiten: 312 
► Gebunden, mit Schutzumschlag - 19,99€ ► Kaufen: bei Amazon /beim Verlag



Vorwort (ohne Spoiler) - Zur Rezension weiter runterscrollen! 

Bevor wir zur eigentlichen Rezension kommen, greife ich mal wie eine ganz brave Bloggerin etwas den „negativen Hype“ um dieses Buch aus, der bei den englischsprachigen Lesern/Leserinnen ja richtig ausgeartet ist. Nur, damit mir später nicht vorgeworfen werden kann, dass ich mit dem Kopf in den Wolken stecke oder so. Viele wissen sicher, wovon ich spreche und für diejenigen, die keine Ahnung haben mal kurz zusammengefasst: Es gab sehr viele Menschen, die sich durch Roths Buch persönlich angegriffen gefühlt haben. Zum einen aufgrund der Stereotypen, welche die Autorin verwendet, nämlich, dass es hier ein Randvolk gibt, welches schwarz, aggressiv, wild und in dem Zusammenhang als böse dargestellt wird und das wäre ja absolut rassistisch. Und zum anderen, weil Protagonistin Cyra unter so etwas wie „chronischem Schmerz“ leidet, welcher an einer Stelle im Buch als „Geschenk“ bezeichnet wird, was Menschen, die selber darunter leider regelrecht entzürnt hat. Mit diesen Gedanken im Kopf – also auf der Hut – bin ich an das Buch herangegangen und musste mit Erstaunen feststellen, dass hier so einiges völlig aus dem Kontext gerissen wurde.

Im Roman gibt es zwei Protagonisten, welche die Geschichte mit einer eigenen Perspektive erzählen. Akos, welcher aus einer bekannten Familie kommt, die Geld und Ansehen hat und dessen Mutter ein Orakel ist und dann Cyra, welche vom Stamm der Shotet ist, welche sich an alte Traditionen halten, wie z.B. sich für jeden Tod ein Mal in die Haut zu ritzen, etwas minimalistischer und harscher leben und durch viele kriegerische Akte mit vielen Planeten auf keinem guten Fuß steht. Die Sache ist allerdings die: Die Autorin hat sich große Mühe gegeben, eben keine Linie zwischen gut/böse zu ziehen und schildert im Verlauf ihrer Story sehr detailreich, wie bestimmte Dinge zustande kommen. Akos Nation gehört zu den neun Planeten, welche über die Galaxie bestimmen und somit auch einen Sitz im „Rat der Neun“ haben. 

Dort gibt es Orakel, Schicksale für einige Menschen, Wohlstand und Individualität. Cyras Volk ist eines der wenigen, dass durch Machtumstellung ganz unten steht und das Ziel ihrer Urahnen war es schon den Shotet wieder an die Spitze zu verhelfen. Weil diese dabei nur Co-existieren, abgeschottet sind und ihnen sowohl finanziell, als auch wirtschaftlich nicht viel zur Verfügung steht, hat Cyras Vater einen anderen Weg eingeschlagen, nämlich Furcht zu sähen, Brutalität als Waffe einzusetzen, um zu bekommen, was er möchte. Dabei haben beide Völker/Familien eine sehr tiefgründige Hintergrundgeschichte, die genügend erklärt wird. Ich habe die Darstellung davon in keinster Weise als rassistisch empfunden. Tatsächlich ist es so, dass Vorurteile aufgrund von Meinungen gebildet werden, aber die Figuren erkennen schnell, dass hinter diesen festen Meinungen mehr steckt, als sie einander kennenlernen. Wenn das Buch also etwas zeigt, dann höchstens wie Hass und Vorteile Kriege schaffen und wie man dagegen nur ankommt, wenn man offen für Neues ist. Es wird übrigens auch nicht wortwörtlich erwähnt, dass die Shotet „schwarze, wilde, brutale Monster“ sind oder im Gegensatz dazu, dass Akos Nation „priviligierte, weiße Demokraten“ sind. Im Buch gibt es NEUN Planeten, das System ist komplex und das einzige, was man Veronica Roth vorwerfen kann ist der Mangel an Worldbuilding, der die Leser dazu zwingt Dinge zwischen den Zeilen zu lesen, die teils gar nicht da sind.

Cyras Schmerz aka die „Gabe“. Es ist so, dass alle Figuren, wenn sie erwachsen werden durch den „Strom der Welten“ eine Art Gabe erhalten. Bei Akos ist es so, dass er den Schmerz anderer nehmen kann, seine Schwester hat eine heilende, beruhigende Wirkung auf andere … und Cyra sieht ihre Gabe als Fluch an, denn sie hat die Macht Schmerzen zu verursachen und dieser Schmerz befindet sich permanent in ihrem Körper. Sie leidet, sie quält sich, sie ist ein gebrochenes Mädchen – und sie will, dass es endlich endet. Sie spricht EINMAL davon, dass ihre Gabe ein „Geschenk“ ist und zwar ganz am Ende, als sie erkennt, dass nach allem, was sie durchstanden musste, dieser Schmerz ihr gezeigt hat, wie stark sie ist – und sein kann. Dass sie vielleicht die Einzige ist, die damit auf diese Weise umgehen kann. Und das die Götter ihr diese Gabe geschenkt haben, weil es genau das ist, was ihr tyrannischer Bruder am meisten fürchtet: Schmerz, der zeigt, dass man nicht unverwundbar ist. Also ja, in diesem Zusammenhang ist ihr Fluch ein Geschenk. Der Schmerz hat ihr geholfen zu sein, wer sie wahrhaftig ist und sie durch Elend und Verdammnis getragen. Zu behaupten, die Autorin habe keinen Respekt vor Menschen mit chronischem Schmerz ist also recht intolerant.

In den Zeiten, wo alle nach Diversity und Gleichberechtigung schreiben, hätte ich persönlich erwartet, dass man bei solch einem Jugendbuch eher versucht die Bemühungen, die hier ersichtlich sind wahrzunehmen, anzuerkennen und sich nicht an kleinen Details aufzuhängen, die jeder nun einmal anders interpretiert. Bedeutet Diversity nicht gerade Akzeptanz und Aufklärung, statt Verurteilung und Hass, auf den mehr Verurteilung und Hass folgt? Wenn also irgendjemand sich vom Buch diskriminiert gefühlt hat, bedauere ich das, ebenso wie Veronica Roth es sicher bedauert, aber ihre Absichten hinter der Geschichte waren zweifelsohne keine schlechten.


Meine Rezension (ohne Spoiler) zum Buch! 


Nachdem mir der letzte Band von Veronica Roths Divergent Reihe wirklich ein Dorn im Auge war, hatte ich trotzdem große Lust ihr neues Buch zu lesen. Die Geschichte klang auf den ersten Blick sehr interessant und schon damals gefiel mir der Schreibstil und die moralischen Botschaften der jungen Autorin wahnsinnig gut. Rat der Neun war anders, als ich erwartet hatte, aber schaut man über den zähen Anfang hinweg, dann erlebt man ein großes Abenteuer.

Im Roman gibt es insgesamt neun Planeten, welche den „Kreis der Galaxie“ ausmachen – was hinter diesem Kreis liegt ist ungewiss. Auf jedem Planeten gibt es drei Orakel, die mit ihren Visionen helfen, die Schicksale der Völker zu bestimmten. Es ist jedoch nicht so, dass jeder ein Schicksal hat, sondern nur einige ausgewählte. Die Geschichte gerät in Fahrt, als eben diese Schicksale, darunter auch die von Akos Familie, in die Galaxie hinausdringen. Normalerweise hält der Rat Schicksale streng unter Verschluss, doch durch diesen Vorfall ändert sich alles. Akos Familie wird zerschlagen, er und sein Bruder entführt und plötzlich finden sich beide in den Fängen der Shotet wieder. Und Akos Schicksal soll es sein in deren Dienst zu sterben … auf der anderen Seite haben wir Cyra und ihren Bruder Ryzek, welche von ihrem Vater seit Kindesbeinen eingeschärft bekommen haben, dass sie ihrem Volk wieder zum Aufstieg verhelfen sollen. Doch Ryzek, der ein Schicksal teil, dass ihn in Ungnade fallen lassen soll, setzt alles daran dieses zu ändern. Er glaubt, dass er dies mit Hilfe von Akos Bruder tun kann und ist auch für die Entführung verantwortlich.

Die beiden Protagonisten treffen also nicht gleich, ihre Wege kreuzen sich dank des Schicksals – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Einstieg in das Buch ist nicht der Leichteste. Man muss sich zunächst zurechtfinden, sich merken who-is-who, Beziehungen erkennen und alles etwas auf sich wirken lassen. Da vergehen schon mal gut und gerne an die 100 Seiten, ehe man den Durchblick hat. Die Handlung erschien mir zu dieser Zeit auch etwas willkürlich, aber, wenn man die Ruhe hat sich in diese Welt fallen zu lassen, dann kommt man sehr schnell sehr gut mit allem klar. Die Namen sind zwar außergewöhnlich, aber es gibt wesentliche Figuren, welche wichtig sind und die lernt man gut und flink kennen. Ich würde gerne behaupten, dass die Autorin ein sehr komplexes System erschaffen hat, aber eigentlich kann man dies ganz gut herunterbrechen: Viele Planeten, alte Fehden, besondere Gaben und ein Tyrann, dem es den Gar auszumachen gilt und nebenbei die Missionen einzelner Figuren, die „Rat der Neun“ zu einem spannenden Gebilde aus Sci-Fi und Fantasy, mit einer Portion Dramaturgie und einer Prise Romantik machen.

Nichts an dieser Geschichte ist perfekt. Und gerade deshalb bin ich nach und nach einer Faszination für dieses Buch erlegen. Akos und Cyra waren beide gut ausgearbeitete Figuren, mit Schwächen, Stärken und Motiven, die man als Leser langsam sieht und auch durchschaut. Dabei waren beide Perspektiven, beide Charaktere interessant gemacht und eigenständig in ihrem Denken und Handeln. Ich hatte das Gefühl, es gibt eine Menge Dinge, die geschehen sind, auch, wenn das Buch in der Mitte sehr langsam und wenig aufwühlend ist. Viele Dialoge brechen mit den trockenen Erklärungen und Veronica Roth hat sich oftmals weniger Zeit genommen alles zu erklären, dafür aber, um zu zeigen – und das mochte ich! Das Buch ist mit seinen 600 Seiten richtig dick und es wäre gelogen zu sagen, dass man nicht an Stellen hängenbleibt, die nicht ganz so rund sind oder vielleicht sogar unnötig waren, aber dennoch verfällt man einfach diesem Antrieb wissen zu wollen, wie es weitergeht.

Es ist so, als würde die Autorin einen selbst in die Geschichte werfen und man müsste als Leser erstmal herausfinden, wer bin ich und wo will ich hin. Dabei verwischen die Grenzen hier so oft, dass einem der Kopf schwirrt und man besonders im Endteil überrascht und geschockt wirkt. Die letzten 200-300 Seiten waren genial und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Mit Akos und Cyra habe ich so viel durchgemacht, erlebt … und ab der Mitte hatte ich den Eindruck sie wirklich zu kennen, mit all ihren Ecken und Kanten. Die Entwicklung der beiden war toll eingefädelt, ihre Beziehung dezent und nachvollziehbar.

Dadurch, dass die Perspektive wechselt bekommt man Einblick verschiedener Handlungsstränge und trifft so auf neue Figuren, die mit im Plot der Story verwoben sind. Außerdem lernt man das ganze Buch über immer mehr über Akos und Cyra. Auch die Motive der Gegenspieler wurden in diesem Fall durchleuchtet, hinterfragt und waren nicht nur so dahin geklatscht. Es gab viele Szenen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen und die Geschichte mit kleinen und großen Höhepunkten immer wieder fesselnd machen. Ich habe den Eindruck, dass wir erst am Anfang stehen und etwas Episches auf uns zukommt!

Ja, ich hatte ein paar Probleme mit dem Buch. Das mangelnde Worldbuilding, die offenen Fragen, die komische Sprünge in der Erzählung, aber die Figuren haben mich überzeugt, die Handlung war wie eine energische Welle, die einen davonträgt und man ERLEBT beim Lesen richtig eine Wandlung der eigenen Gefühle. Hass, Liebe, Angst, Verzweiflung – Veronica Roth weiß es Reaktionen hervorzulocken und der Abschluss des Bandes stellt sehr zufrieden.

Eine der besten Stellen, wie ich finde, lag am Ende, als Akos erkennt, dass der Grad zwischen Rache und Gerechtigkeit sehr dünn ist und man manchmal nicht unterscheiden kann auf welchem der zwei Wege man gerade unterwegs ist. Mich haben viele der Inhalte zum Nachdenken angeregt und nach dem Zuschlagen der Buchdeckel werde ich noch eine Weile über das Gelesen grübeln. Ehre hat eben keinen Platz im Kampf ums Überleben.



Rat der Neun ist definitiv eine andere Art von Auftakt, als ihr euch vorgestellt habt. Weniger Sci-Fi, mehr Fantasy hat Veronica Roth eine Story geschaffen, die wohl die Leserschaft spalten wird. Das Buch hat meiner Meinung nach jedoch viele Elemente, die eine solide, packende Handlung ausmachen – starke Figuren, gute Moral, Spannung und hin und wieder ein kleines Ass im Ärmel. Wer sich also an ein paar Längen in der Mitte nicht stört und sich nicht davor scheut beim Lesen sein Hirn einzusetzen, um sich Planeten und Namen zu merken, der wird hier ein Abenteuer geliefert bekommen, das zum Nachdenken anregt und die Grenze zwischen Gute und Böse mehr als einmal verwischt. 

Kommentare:

  1. Hört sich super an! :) Ich bin schon ganz gespannt auf das Buch, da ich begeistert war von "Die Bestimmung". Durch deine Rezension habe ich nun richtig Lust bekommen, Veronica Roths neues Buch zu lesen.

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  2. Ich schließe mich Binzi an, das tönt doch vielversprechend!
    Ich werde es auch demnächst lesen und freue mich jetzt noch mehr drauf :)
    Und allein schon wie du die Welt im Vorwort beschreibst, bestärkt mich in dem Verdacht, dass die Idee/Welt toll ist :D

    LG ♥
    Anna

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  3. Ich bin sehr froh, dass nicht nur ich ein Problem mit dem "Problem des Buches" hatte. Ich durfte es ja gemeinsam mit den amerikanischen Rezensenten vorab lesen und habe diese Diskussion erst danach verfolgt und konnte nur den Kopf schütteln. Für mich waren die Shotet von Anfang an ebenso "gemischt" wie auch alle anderen, nur eben ein wenig traditioneller, rauer.
    Insgesamt konnte mich das Buch einfach absolut fesseln und es ist das erste Buch, dass von mir trotz schwierigem Einstieg auf 5 aufgerundet wurde. Ich bin gespannt, was da noch so kommt.

    Liebe Grüße

    Steffi

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  4. Hallo liebe Tanja,

    ich habe diese Diskussion ebenfalls mitbekommen, und war ehrlich gesagt schon davon irritiert, gerade weil ich die Idee eigentlich nicht so schlecht fand und den Schreibstil der Autorin aus den ersten beiden Divergent-Bänden eigentlich ziemlich gut fand.
    Von daher vielen Dank für diese Rezension, die zeigt, dass diese lautstarke Kritik möglicherweise doch unberechtigt ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche alles runtermachen müssen, was irgendwie herausfordernd ist.
    Von daher hat deine Rezension meine Neugier neu geweckt, danke dafür. ;)

    Liebe Grüße
    Dana

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  5. Hallo Tanja,

    dein Vorwort war wirklich eine gute Wahl. Ich habe auch schon von diesen regelrechten Hass-Triaden gegen das Buch gelesen und war insgesamt etwas skeptisch über die Umsetzung, denn irgendwie interessiert mich dieses Buch ja schon. Da ich momentan nicht viel lese, habe ich das Buch für mich zunächst ausgeschlossen. Wie sich zeigt, ist es hilfreich auf andere Lesestimmen zu warten. Nachdem was du schreibst - nicht zuletzt, dass es hier mehr Fantasy als SciFi gibt - bringt mich dazu meine Entscheidung vielleicht nochmal zu überdenken. Ich glaube, dass mir dieses Buch als Hörbuch gut gefallen könnte, allerdings muss dann der Sprecher/die Sprecherin stimmen. Mal sehen. :)

    Liebe Grüße
    Sarah

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