Montag, 24. Juli 2017

[BUCHREZENSION] The Hate U Give


(Auf diesem Foto seht ihr die englische Originalausgabe.)



Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen...


(Links: Englische Originalausgabe, rechts: Deutsche Übersetzung.)

► Übersetzerin: Henriette Zeltner ► Autor/in: Angie Thomas ►Buchreihe: Einzelband 
► Deutscher Verlag: cbt ► Seiten: 512 ► Gebundene Ausgabe, mit Schutzumschlag - 17,99€ ► Kaufen: bei Amazon /beim Verlag



The Hate U Give ist eines dieser Bücher, das schon vor Erscheinen in aller Munde war - zurecht. Die Geschichte um die 16-jährige Starr ist ein Statement gegen Rassismus, regt zum Nachdenken an und lässt einen lange Zeit nach dem Lesen nicht mehr los. Ich habe den Roman einmal im englischen Original gelesen und ein zweites Mal in der deutschen Übersetzung, weil mich wahnsinnig interessiert hat, wie der deutsche Verlag die ganz eigene Erzählstimme der Debüt-Autorin Angie Thomas umgesetzt hat. Vorweg sei gesagt: Egal in welcher Sprache ihr dieses Buch lest - LEST ES! Vielleicht werdet ihr nicht maßlos davon begeistert sein (so wie ich) und vielleicht werdet ihr von dem Thema auch etwas vor den Kopf gestoßen sein, aber Fakt ist, dass dieses Buch die Macht hat eure Gedanken zu verändern und eure Sichtweise zu beeinflussen. Es gibt viele Menschen in Deutschland, die keine Ahnung davon haben, was auf der anderen Seite der Welt vor sich geht und diese Geschichte bringt euch auf eine unterhaltsame und berührende Weise näher, wovor in der heutigen Zeit oftmals die Augen verschlossen wird. 

Starr Carter war eine Protagonistin, die ich nicht immer sympathisch fand. Ich hatte teilweise meine Probleme, aber das hat auf meine Wertung nicht sehr viel eingewirkt. Das liegt vor allem daran, dass gerade die Momente, in denen ich mich an Starrs Verhalten gestört habe, mich sehr zum Nachdenken gebracht haben. Es wäre gelogen zu sagen, dass ich ihre Aussagen immer unterstützt habe, aber sie haben etwas in mir in Bewegung gesetzt. Es gab etliche Augenblicke, in denen ich mich gefragt habe: Ist das nun umgekehrter Rassismus, bin ich selber rassistisch? Denn die Wahrheit ist: In uns allen steckt ein kleiner Teil Rassismus, der uns gar nicht bewusst ist. Es ist die Art und Weise, wie wir aufwachsen und die Welt wahrnehmen, die einige Vorurteile - ob wir es wollen oder nicht - in unsere Köpfe hämmert. Es ist die Unwissenheit um manche Dinge, die uns blind für das Leid anderer macht und es ist die gesellschaftliche Ordnung, die eine Abneigung in uns auslöst, die gegen die Sachen geht, die für uns selbstverständlich sind. 

Das Thema Rassismus wird hier aus einer Sichtweise geschildert, die ich bisher noch nicht erfahren habe - worüber ich nebenbei bemerkt auch sehr froh bin. Innerhalb der Geschichte gibt es sehr viele wichtige Momente, die aufgrund ihrer Aussagen und Fragen das brillante Fundament für diesen Roman setzen. Es vergeht wirklich kein Kapitel, in dem sich nicht auf die ein oder andere Weise mit dem Thema Rassismus, Gleichberechtigung, Politik, Ethik und Moral auseinandergesetzt wird. Dabei ist die Form des Buches auf eine charmante Weise auch noch unterhaltsam und ich denke, dass gerade dieser Aspekt auch viele jünger Leser/innen dazu bewegen wird, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist nämlich nicht so, dass die Autorin uns irgendwelche Lektionen aufzwingen will - Sie erzählt eine Geschichte, die genau das ist: Eine Geschichte, jedoch mit Wahrheitsgehalt. 

In "The Hate U Give" gibt es neben gewichtigen Botschaften aber auch Elemente, die einfach nur dem Unterhaltungszweck dienen. Es geht teilweise um die Freundschaft von Starr zu ihren Mitschülern, eine Liebesgeschichte zwischen zwei sehr unterschiedlichen Menschen, mit verschiedener Herkunft und auch um die Problematik, dass Starr zwei Rollen in ihrem Leben spielen muss, um sich den erwarteten Normen anzupassen. So bietet das Buch von Anfang bis Ende eine solide Story, die Spaß macht und etwas beibringt. Die vielen Konflikte wurden von Angie Thomas sehr gut durchleuchtet und in den Fokus gerückt. Was ich ebenfalls mochte war die Entwicklung von Starr. Sie ist keine große Heldin, die Reden schwingt und für Gerechtigkeit kämpft, sondern ein Mädchen, das Zeugin eines schlimmen Ereignisses wurde und sich entscheiden muss: Schweigen oder Reden? Dabei ist besonders der innere Kampf von Starr sehr authentisch beschrieben.

Das Buch trägt allen voran die Botschaft in sich, dass jede Stimme, sei sie noch so klein, es wert ist gehört zu werden. Das ist etwas, was schon bekannte Persönlichkeiten wie Lincoln oder Martin Luther King gepredigt haben und was die Autorin hier mit ihren eigenen Worten sehr gut eingebracht hat. Viele inspirierende Dialoge und Gedanken haben mich dazu verleitet mein Leben ein wenig zu reflektieren. Benutze ich meine Stimme genug? Setze ich mich für die Dinge ein, die mir wichtig sind? Habe ich genug Mut, um mich öffentlich für andere zusprechen? Als ich die Buchdeckel zugeklappt habe, war ich mir sicher, dass mich die Gedanken rund ums Buch nicht mehr so schnell loslassen werden - und so war es.

Trotz meiner Liebe für dieses Buch, gab es allerdings auch einige Aspekte mit denen ich meine Schwierigkeiten hatte. Neben der Familiengeschichte, Freundschaft und dem kleinen Liebesdrama rund um Starr, ist der Prozess gegen den Polizisten doch etwas in den Hintergrund gerückt und kam erst zum Finale hin so richtig zur Sprache. Ich finde, man hätte diesen Punkt noch besser/mehr einbinden können. Außerdem hatte ich hin und wieder das Gefühl, dass selbst dieses Buch nicht völlig frei von Rassismus ist. Es gab einige Momente, in denen ich beim Lesen doch etwas den Kopf schütteln musste. Starr ist nicht frei von Fehlern, was ihren Charakter so echt wirken lässt, allerdings hatte sie tatsächlich einige (wenn auch wenige Momente), in denen sie sich gegenüber ihrer weißen Mitmenschen nicht sehr fair verhält. So lehnt sie die Beziehung zu einem Jungen zuerst mit der Begründung ab, er sei weiß oder vermittelt immer wieder das Bild, dass Jesus schwarz wäre. Ich weiß natürlich, dass es in THUG vor allem darum geht eine Geschichte aus der Perspektive einer Minderheit zu erzählen - samt Gedanken, seien sie richtig oder falsch (was ich mir nicht zu bewerten anmaßen möchte), jedoch waren dies Szenen, die mir als weißem Mädchen doch zu Denken übrig gegeben haben. 

Rassismus ist ein sehr sensibles Thema, das man sicherlich niemals zu 100% Perfektion schildern kann, ohne, dass dabei Löcher entstehen, in denen sich bestimmte Leser/innen verlieren könnten, aber diesen kleinen Kritikpunkt wollte ich dennoch ansprechen. Ich finde es nämlich sehr wichtig, dass im Kampf gegen Rassismus nicht vergessen wird, dass Rassismus auf gewisse Weise auch umgekehrt funktioniert - so privilegiert, blind und dumm manche Menschen in der großen weiten Welt auch sein können. 

Das Buch hat übrigens auch einige witzige Momente. Trotz des ernsten Themas ist es der Autorin gelungen viele spaßige Momente einzubauen! Noch ein wichtiger Punkt wäre der "Slang" des Romans. Im englischen Original ist es recht ungewohnt, wie das Buch geschrieben ist, durch etwas Einlesezeit gelingt es aber damit zurechtzukommen. In der Übersetzung wurde sich bemüht den Ton des Romans zu treffen, allerdings gab es doch viele Stellen, an denen ich mich beim Lesen gestört habe. Das lag besonders daran, dass viele Textstellen/Eigenwort nicht übersetz wurden und ich es als störend empfand, wenn englische Begriffe eingestreut wurden. Allerdings muss man der Übersetzerin wirklich zu gute halten, dass es ein verdammt schwerer Job gewesen sein muss, die Stimme der jungen, schwarzen Autorin zu erhalten und von der Atmosphäre her ist ihr das gelungen. Henriette Zeltner hat meiner Meinung nach vieles richtig gemacht, um die deutsche Ausgabe so nah wie möglich am Original zu halten. Respekt! 


The Hate U Give ist ein Jugendbuch mit wichtiger Botschaft, das JEDER gelesen haben sollte! Angie Thomas erzählt in ihrem Debüt eine Geschichte, die aus dem Leben selbst stammen könnte: Echt, authentisch und mit unverwechselbarer Stimme. Und so ernst das Thema Rassismus auch ist, so unterhaltsam lässt sich das Buch auch lesen. Freundschaft, Träume und Humor kommen nicht zu kurz. Ich bin mir sicher: Dieser Roman wird Leser/innen jeglicher Art nicht mehr so schnell loslassen! Empfehlung für jung und alt, einfach für jeden, der Bücher liebt!

Von mir bekommt das Buch 9/10 Punken :D



Wenn ihr mehr über das Buch wissen möchtet, schaut euch unbedingt das Video Interview mit der Autorin an. Es ist sehr informativ und die Autorin wirklich mega sympathisch!


Angie Thomas kommt übrigens 2017 für einige Termine nach Deutschland! 
Eine Übersicht all ihrer Lesungen/Veranstaltungen findet ihr *HIER*


Habt ihr das Buch schon gelesen? Verlinkt mir gerne eure Rezensionen in einem Kommentar! Ich bin gespannt, was ihr zur Geschichte zu sagen habt! :D

Kommentare:

  1. Liebe Tanja,

    Wahnsinn ich bin gerade wirklich begeisrerb von deiner Rezension! Du hast es wirklich richtig gut auf den Punkt gebracht und das Buch genauso bewertet, wie ich es auch getan hätte.

    Dieses Buch hatte so viel Sogwirkung auf mich, dass ich es an 2 Tagen durchgesuchtet habe und ich kann dir in allen, wirklich allen Punkten zu 100% zustimmen.

    Die Themen wie Rassismus ubd auch Bandenkriminalität hat die Autorin echt richtig gut verpackt und vor allem auch glaubhaft und authentisch Und mit Starr stimme ich dir absolut zu: sie ist nicht perfekt und nicht der Vorzeigecharakter, der wie du es so schön sagst nicht die großen Reden schwingt, aber ich finde genau das macht sie einfach so sympathisch und so glaubhaft.

    Danke für die großartige Rezi, die ich bei weitem nicht besser hätte schreiben können um dieses Buch zu beschreiben!

    Meine Rezi wird dazu am Donnerstag online kommen. Wenn du also Lust hast sie zu lesen, sehr gerne :)

    Liebe Grüße und eine gute Nacht :)
    Caterina

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  2. Ich hab mir das Buch vor Kurzem auch gekauft, als es bei Amazon auf Englisch als Hardcover für nur 4 Euro erhältlich war. Jetzt bin ich natürlich schon wahnsinnig gespannt auf das Werk - vor allem nach deiner tollen Rezension! :)

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  3. Hallo Tanja,

    eine sehr gute Rezension zu einem Buch, welches mit Sicherheit polarisieren wird. Denn wie du schon geschrieben hast, steckt in jedem von uns ein Teil von Rassismus, in welcher Form auch immer. Das Buch steht schon seit der Verlagsvorschau auf meiner WuLi und ich bin schon sehr gespannt auf die Story.

    Liebe Grüße,
    Uwe

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  4. Hallo liebe Tanja,

    das Buch liegt (im Original) noch auf meinem SuB, und deine Rezension beschreibt zu hundert Prozent, warum ich es mir gekauft habe. Der einzige Grund, warum ich es noch nicht gelesen habe, ist vermutlich, dass ich mir Zeit dafür nehmen möchte - denn ich glaube, die ist es wert.

    Im Übrigen mal wieder eine tolle Rezension von dir! :)

    Liebe Grüße
    Dana

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Dankeschön, dass du so lieb bist und Feedback, deine Meinung oder Anregungen hinterlässt! :D